Urbane Mobilität mit Kick

Ein Gastbeitrag von Arne Rensing

Ein weit verbreitetes Phänomen: Die Tätigkeiten bleiben gleich – aber heutzutage klingen sie viel cooler. Ich sitze nicht mehr am Telefon, sondern an der Hotline. Ich gehe nicht mehr ein bisschen flotter spazieren, sondern bin jetzt – quasi im Vorübergehen – aktiver Walker. Anstatt eines Feierabendbieres nehme ich abends einen gepflegten Drink. Und früher bin ich gerollert, heute aber mit dem „Kickboard“ unterwegs. Wow!

Schuld sind meine Kinder. Erst hatten wir nur eines, dann gerade einmal zwei, letztendlich dann lediglich drei. Und irgendwo auf diesem Weg ist ein großer Teil der Zeit verlorengegangen, die vorher zur Erledigung alltäglicher Aufgaben und Strecken zur Verfügung stand.

Der Roller, diese einfache Kombination aus Körperkraft, zwei Rädern, einer Standfläche, einem Lenker und einer Pseudo-Bremse war für mich in dieser Situation zunehmend das Mittel der Wahl: Mit einem Roller waren entweder meine Kinder, ich, oder wir alle schlicht schneller am Ziel, wenn wir von A nach B kommen mussten. Nur haben mir meine Kinder das nicht sonderlich leicht gemacht. Die haben sich nämlich anfangs kringelig gelacht, wenn ich stolz und elegant auf meinem Kickboard zum Einkaufen, zum Kindergarten oder wo auch immer hin geglitten bin. Und zugegeben: Fahrräder können eventuell als Statussymbole, als Zeichen besonderen Bewusstseins oder Sportlichkeit oder momentan – je nach Gefährt – sogar als Szeneaccessoire herhalten. Der Fahrradhelm, früher unschick, zeigt heute, dass man etwas im Komorgenstadt_roller1pf hat und auch gerne dort behalten will, wenn die Fahrt einmal schief geht. Erwachsene Menschen auf einem (Kinder-)Roller aber sehen zuerst einmal ziemlich albern aus, vergleichbar etwa mit den Impressionen von Hunden auf Surfbrettern oder ähnlichen Highlights, wie sie Youtube täglich frei Haus liefert.

Das ist zu Beginn, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Aber auch hier hilft es, Vater zu sein. Wer Kinder hat, der kann das nachvollziehen: Mit zunehmender Dauer der Elternschaft, vielleicht auch einfach mit zunehmendem Alter, geht der Grad an persönlicher Eitelkeit zurück. Man ist es einfach gewohnt, dann und wann – oder auch öfters – in mehr oder weniger peinliche Situationen zu geraten. Nun gut, heute bin ich eben überall „der mit dem Roller“, es gibt ja immer Schlimmeres…

Ein unterschätztes Verkehsmittel

Jetzt aber im Ernst: Mit einer einigermaßen vernünftigen Ökobilanz zu pendeln, das ist mir ein tiefes Anliegen. Dabei nutze ich jedoch einen breiten Mix aus Verkehrsmitteln. Zuerst einmal bin ich sehr gerne zu Fuß unterwegs. Und ja, selbstverständlich fahre ich ab und zu mit dem Auto zur Arbeit. Ich habe auch schon versucht, direkt mit dem Flieger aus Wien pünktlich mein Duisburger Büro zu erreichen. (Es hat nicht geklappt.) Bei schönem Wetter und mit viel Zeit begebe ich mich dann und wann mit dem Fahrrad auf den Weg von Essen nach Duisburg. Und den Uni-Pendelbus halte ich für eine großartige Einrichtung. Meistens aber bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Und die kombiniere ich gerne mit dem Fahrrad – vor allem aber mit meinem Tretroller.

Rollern kann jeder, auch wenn diese Art der Fortbewegung oftmals neu erlernt werden muss. Regen, das war mir lange Jahre nicht mehr bewusst, ist ganz schlecht. Wer dann auf den üblichen Hartkunststoffrollen unterwegs ist merkt sofort, wie rutschig das Ganze wird. Bergauf fahren geht auch nicht lange gut, weil das sehr schnell sehr anstrengend, zumindest aber sehr langsam wird. Auf solchen Passagen heißt es dann auch: Nicht eitel sein und schieben. Mein Roller wiegt ja nicht viel.

Auch findet man samt seinem Roller überall Platz. Ob U-Bahn, S-Bahn oder Bus: Einer geht immer noch rein. Zur Not klappe ich meinen Roller zusammen und trage ihn bequem am Riemen über der Schulter.

Ein weiterer Vorteil: Roller sind – jedenfalls im Vergleich zu den meisten modernen Fahrrädern – relativ günstig zu kaufen. Und, auch nicht unwichtig: Mir ist bisher noch kein Roller geklaut worden, obwohl ich kein Schloss mit mir führe oder irgendwelche Sicherungsmaßnahmen vornehme. Wozu auch, meistens stehe ich ja drauf. Ich habe ihn auch schon oft in Laden-Eingänge gestellt, bisweilen sogar dort für ein bis zwei Tage vergessen. Aber Roller-Klauen lohnt sich nicht – und anscheinend werden vermeintliche Kinder-Utensilien nicht so schnell entwendet oder entsorgt. Vor Ort beim Arbeiten verstaue ich mein Lieblings-Verkehrsmittel dann unter meinem Schreibtisch.

Bei aller Begeisterung ist ein Roller aber, das lerne ich jetzt mehr und mehr, eher ein Instrument zur Überbrückung kürzerer und mittlerer Wege. Und bei diesen mittellangen Strecken wäge ich ab: Die etwa drei Kilometer von Rüttenscheid zum Essener Campus – vorbei an Philharmonie und Aalto-Theater, danach quer durch die Essener Fußgängerzone – machen Spaß, kosten nur wenig Zeit und gehen locker vom Fuß. Kein Wunder, da geht es ja durchgehend leicht bis stärker bergab. Der Weg zum Zug am Essener Hauptbahnhof ist die einfachste Übung, der rollt sich von alleine. Die etwas mehr als zwei Kilometer vom Duisburger Hauptbahnhof zum Forsthausweg kürze ich inzwischen gerne um eine Station mit der Straßenbahn ab. Die Langstrecke jedoch vom L-Bereich bis zum Hauptbahnhof Mülheim habe ich zwar im Überschwang schon mehrmals durchlitten, verzichte jetzt aber dankend darauf. Das ist eindeutig zu weit und beschert Rollerfahrern in meiner Altersklasse gerne „Hüfte“ oder „Rücken“.

Auch sind Rollerfahrer weit mehr als ihre Kollegen auf dem Fahrrad vom jeweiligen Untergrund arennradbhängig. Jedwede Art von Pflasterung zum Beispiel wird rasch unangenehm. Parallelfahrten zu leicht hervorstehenden Abgrenzungen, Elektroschacht-Deckeln oder Bordsteinen bringen die persönliche Balance schnell an ihre Grenzen. Aber, so der Vorteil: Man bleibt konzentriert. Und das, verbunden mit der zwangsläufigen Entschleunigung der Fortbewegung, schärft den Blick für die schönen Dinge, die rechts und links des Weges liegen. (Am besten jedoch, so ganz im Geheimen, sind die jeweils letzten Meter vor Ort an der Uni. Ich weiß nicht, was der Arbeitsschutz dazu sagt, aber über die glatten Gänge der Hochschulgebäude schwebt es sich, als wären die für nichts anderes gemacht. Nur bloß nicht nachmachen…)

Was mir fehlt ist die Fachsimpelei mit anderen Rollerfahrern, die man unter den Pendlern an Rhein und Ruhr zunehmend trifft. Zu banal scheint es, sich über dieses spezielle Hobby auszutauschen. Beim Thema „Fahrrad“ bin ich anderes gewöhnt, seitdem ich – nicht ganz verkehrssicher, ich weiß – auch auf dem Weg zur Arbeit auf ein 80er-Jahre-Rennrad umgestiegen bin. Dabei geben Roller thematisch alles her, was derzeit auch bei Rädern in Mode ist: Ein minimalistischeres Single-Speed-Gerät gibt es eigentlich nicht. Aber in diesem Beitrag kann ich das Expertengespräch ja nachholen, also: Mein erster Roller war ein Modell von Aldi, der beste Roller, den ich bisher erworben habe. Er fährt heute noch. Nur wird er inzwischen von meiner zweiten Tochter bewegt. Bei meinem zweiten und dritten Roller habe ich auf größere Rollen und einen höher einstellbaren Lenker geachtet. Das war gut, nur habe ich entweder das empfohlene Höchstgewicht nicht bedacht, oder die Angaben der Hersteller (oder meiner heimischen Waage) sind grundfalsch. Beide Roller sind jedenfalls in voller Fahrt unter mir zerbrochen. Bei meinem vierten Modell betreibe ich ein Sharing-System. Bis zum Nachmittag habe ich die höchste Verfügungsgewalt, danach ist meine älteste Tochter entscheidungsberechtigt. Das läuft ganz gut.

Morgenstadt_roller2Zum Schluss die Message: Fahren Sie Roller.

Fahren Sie Roller! Die Regenwälder stehen länger, der Nachwuchs freut sich, Sie sparen Zeit, entspannen aber zugleich das Leben ungemein. Roller halten fit, zumindest ein wenig. Vor allem aber macht Rollerfahren glücklich. Mich jedenfalls. Manchmal jedenfalls. Und vielleicht können Sie damit an einem neuen, großen Trend teilhaben. Das erfordert Geduld, ich weiß, aber letzte Woche hat sich meine Frau meinen Roller geliehen. „Nur ´mal kurz“ natürlich…

(Arne Rensing ist Webredakteur im Ressort Presse der Stabsstelle des Rektorats der Universität Duisburg-Essen.)

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